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Pfarrer Christian Hartung, Kirchberg: Predigt über Jesaja 66,10-14 (22.3.2020)
10 Freut euch mit Jerusalem, und jauchzt über sie, alle, die ihr sie liebt!
Frohlockt von Herzen mit ihr, alle, die ihr um sie trauert!
11 Damit ihr trinkt und satt werdet an der Brust ihres Trosts,
damit ihr schlürft und euch erquickt an ihrer prall gefüllten Mutterbrust.
12 Denn so spricht der HERR:
Sieh, wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr
und den Reichtum der Nationen wie einen flutenden Fluss,
und ihr werdet trinken,
auf der Hüfte werdet ihr getragen,
und auf den Knien werdet ihr geschaukelt.
13 Wie einen, den seine Mutter tröstet,
so werde ich euch trösten,
und getröstet werdet ihr in Jerusalem.
14 Und ihr werdet es sehen, und euer Herz wird frohlocken,
und eure Knochen werden erstarken wie junges Grün.
Und die Hand des HERRN wird sich bekannt machen bei seinen Dienern
und sein Zorn bei seinen Feinden.
(Zürcher Bibel)

Liebe Gemeinde!
Diese Verse müssen im Kinderzimmer entstanden sein. Geschrieben hat sie ja sicher ein Mann. Aber wahrscheinlich hatten er und seine Frau gerade kleine Kinder. Sehr lebendig bekommen wir mit, wie ein Säugling hier an der Brust seiner Mutter saugt, schlürft und schmatzt. Dann wird er auf der Hüfte getragen. Und auf den Knien wird mit ihm „Hoppe, hoppe Reiter“ gespielt – das war dann vielleicht der Papa. Das Kind hat Kummer, Hunger, kriegt Zähne oder ist müde. Es schreit – und wird von seiner Mutter getröstet.
Diese Kinderzimmererfahrung benutzt der Prophet, um von Gott zu sprechen. Und von der heiligen Stadt Jerusalem. Die war zerstört, jetzt wächst neues Leben in ihr. Doch letztlich steht Gott dahinter. Gott sagt: „Wie einen, den seine Mutter tröstet, so werde ich euch trösten.“
Der Prophet schaut Gott zu und denkt an seine junge Frau. Er vergleicht Gott mit einer jungen Mutter. An Gottes Brust saugen und schlürfen die Menschen seines Volkes. Sie werden getragen und geschaukelt. Sie jauchzen vor Vergnügen und werden in ihrem Kummer getröstet.
Nun schaut der Prophet aus dem Kinderzimmer nach draußen. Da hat es kräftig geregnet, die Flüsse und Bäche führen reißendes Hochwasser. Genauso soll der Frieden strömen, sagt der Prophet mit seinem Kind auf den Knien. Gott wird diesen Friedensstrom dahin leiten, wo die Menschen ihn brauchen. Das Hochwasser bringt den Reichtum der Völker zu den Ausgezehrten in Jerusalems Ruinen. Wie junge Pflanzen im Frühlingsregen werden sie davon stark und grün.
Im hebräischen Original steht hier dasselbe Wort für den Reichtum der Nationen wie für die prall gefüllte Mutterbrust. Dieses Wort Kawod bezeichnet ursprünglich etwas Schweres. Es wird oft auch direkt im Zusammenhang mit Gott benutzt und heißt dann Herrlichkeit.
Eine junge Mutter, ein Frühlingshochwasser und viele Herrlichkeiten – der Prophet malt ein buntes, fröhliches Bild von Gott. Das pralle Leben. Ganz am Ende wird in einem Nebensatz deutlich, dass dieses Bild nichts Selbstverständliches hat: Da ist davon die Rede, dass Gott Feinde hat und zornig über sie ist. Und neben all dieser Freude, all dem Jauchzen und Frohlocken war am Anfang auch mal ganz nebenbei von Trauer die Rede.
So wie dieser Sonntag Lätare – auf Deutsch: „Freut euch“, nach dem Beginn des heutigen Predigttextes – mitten in der Passionszeit liegt. Und diese Passionszeit in diesem Jahr eine wirkliche richtige Leidenszeit ist. Die Bibel malt uns nie ein Bild von Friede, Freude, Eierkuchen – sondern ein Bild von Frieden in einer unfriedlichen Welt und von Freude in einer traurigen Zeit. Damit rufen uns die biblischen Schriften und so auch dieser Prophet dazu auf: Findet euch nicht ab mit der Welt, wie sie ist! Lasst euch nicht runterziehen, lasst euch nicht den Mut nehmen – nehmt eure Freude, eure Fröhlichkeit, eure Liebe, eure Hoffnung, nehmt das alles zusammen und zeigt der traurigen, unfriedlichen Welt, wie es besser aussehen müsste!
Das ist das, wozu auch wir aufgerufen sind. Als Kirche stehen wir ja nicht irgendwo draußen. Der Coronavirus betrifft uns wie alle anderen – ebenso wie übrigens politische Unruhen, Klimakrise und Flüchtlingspolitik, Themen, die jetzt in der Aufmerksamkeit stark nach hinten gerückt sind. Wir stehen mittendrin. Wir machen uns selbst auch unsere Gedanken und haben unsere Sorgen. Die einen mehr, die anderen weniger, die einen mehr bei dem Thema, andere mehr bei einer anderen Sache. Wir sind weder Engel noch Heilige, wir sind ganz normale Menschen unter ganz normalen Menschen.
Aber es gibt eben doch einen Unterschied. Wir lesen und hören diese wundervollen, lebendigen Hoffnungsbilder. Und es stört uns gar nicht, dass sie Jahrtausende alt sind. Für uns sind sie lebendig und wichtig. Sie stehen in unserer Bibel. Sie haben uns etwas zu sagen. Da, wo andere dann doch eher die Schulter zucken oder gelangweilt abwinken.
Das heißt: Wir sind Teil der Welt – aber eben nicht nur. Wir gehören zu Gott. Wir sind Gottes Kinder. Dieses fröhliche Saugen, Schlürfen, geschaukelt und getröstet werden: da ist von uns die Rede.
Und ich würde mir wünschen, dass wir das nie vergessen. Dass uns das wichtig bleibt, gerade jetzt in dieser Krisenzeit. Lasst uns aufpassen, dass wir nicht nur in Klagen und Stöhnen einstimmen. Oder gar in Schimpfen und Hetzen. Dass man uns das junge Grün anmerkt, von dem der Prophet spricht. Dass man unsere Freude, unser Jauchzen und Frohlocken sieht.
Versuchen wir es, wir alle! Und bringen wir diese göttliche Lebensfreude nach draußen. Dahin, wo sie so nötig ist wie ein frischer Regen auf ausgedörrtem Land.

 

 

 

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